
Wie alt Ihre Stimme klingt, könnte etwas über Hirnalterung und Demenz verraten
- Beobachtungsstudie
- 2.928 spanischsprachige Menschen
Kann eine einfache Sprachaufnahme etwas darüber verraten, wie Ihr Gehirn altert? Eine Studie, die am 30. September in Science Advances erschienen ist, hat das an 2.928 spanischsprachigen Menschen aus fünf Ländern Lateinamerikas untersucht.
Das Werkzeug ist eine sogenannte Sprachuhr. Die Forschenden trainierten ein Machine-Learning-Modell – eine Software, die aus Beispielen Muster lernt –, das Alter eines Menschen an seiner Sprechweise zu schätzen. Entscheidend ist dabei weniger die Schätzung selbst als die Differenz zwischen dem Alter, nach dem jemand klingt, und dem tatsächlichen Alter.
Unter den Teilnehmenden waren gesunde Erwachsene sowie Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, Alzheimer oder frontotemporaler Demenz, einer Demenzform, die häufig Verhalten und Sprache verändert. Die Differenz fiel je nach Gruppe unterschiedlich aus: Bei Gesunden war sie am kleinsten, bei Alzheimer und frontotemporaler Demenz wurde sie schrittweise größer.
Anschließend prüfte das Team, ob diese Differenz mit biologischen Messwerten zusammenhängt. Sie korrelierte mit phosphoryliertem Tau, einem Protein, das mit den typischen Hirnveränderungen bei Alzheimer verknüpft ist, und mit mehreren epigenetischen Uhren, die das biologische Alter anhand chemischer Markierungen an der DNA schätzen.
In der Stimme zeigen sich auch die Lebensumstände. Älter klingende Sprache ging mit weniger Bildung, finanziellen Sorgen, Ernährungsunsicherheit und schlechterem Zugang zur Gesundheitsversorgung einher. Die Uhr misst also offenbar mehr als nur Krankheit – und die Studie kann nicht sagen, was hier Ursache und was Folge ist.
Sprachaufnahmen sind billig und leicht zu machen; darin liegt der praktische Reiz. Sollte sich ein solches Maß als verlässlich erweisen, könnte es helfen, Menschen zu erkennen, bei denen eine genauere Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit sinnvoll ist. Ein Diagnoseinstrument ist es nicht. Jede Person wurde nur einmal aufgenommen, daher lässt sich nicht sagen, ob eine älter klingende Stimme einen späteren Abbau ankündigt. Zudem sprachen alle Teilnehmenden Spanisch. Vor einem Einsatz in der Praxis braucht das Modell Langzeitstudien, Tests in anderen Sprachen und Prüfungen im Alltagsgespräch statt nur im Forschungslabor.
Die nächste Ausgabe per E-Mail erhalten
Unser wöchentlicher Newsletter über Neues aus der Gesundheitsforschung, verständlich erklärt für neugierige Leser und mit Links zu den Originalstudien. Eine E-Mail pro Woche.
Quellen
Quellentitel bleiben in der veröffentlichten Sprache erhalten.
Reference Range Weekly dient der allgemeinen Information. Es bietet keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.